… ins Gesicht gesetzt    
                         
    Aspekte über die neuen Bilder von Oskar Stocker     
                         
    Oskar Stocker ist ein Bildermaler. Mit dem frei geführten Zeichenstift und seinen unverwechselbaren Farbgestaltungen malt und durchforscht er bildnerisch alles, was sich ihm ins Gesicht setzt: Landschaften und Maschinen, Gesichter und Gestalten, Gegenstände und Raumatmosphären, Abstraktes wie Figuratives – und seine Geschichten. Aber selbst die anscheinend absichts- und motivlosen Bilder sind an die Erde gebunden. Darin binden sich die Farben, darin aber auch sein Interesse.
 
…was sich ihm ins Gesicht setzt - das erinnert an einen Wortsinn von Gesicht, der in der deutschen Etymologie, im Wortfeld und in des Wortes Bedeutung, auf das Wort Antlitz zurückgeht. Da bildet es sich aus dem mittelalterlichen ant- und litze, aus ant als entgegen und einem im Deutschen untergegangenen Verb, das im Altenglischen erhalten blieb und dort wlitan heißt und für blicken, sehen steht.
 
Gesicht und Antlitz stehen in einer Reihe und bezeichnen zunächst jenen Teil des Kopfes, wo sich der Gesichtssinn befindet. Im späteren Sprachgebrauch wird dann Gesicht auch auf das geistige Schauen übertragen. Von daher wird mit dem so genannten Zweiten Gesicht auch die Fähigkeit bezeichnet, gleichzeitig örtlich entfernte oder künftige Vorgänge mit dem geistigen Auge zu schauen. Vor hier aus ist es nicht mehr weit zum Ausdruck Gesichtspunkt, den Albrecht Dürer auf das perspektivische Zeichnen bezieht. Leibnitz dehnt ihn später in Anlehnung an das französische point de vue auf das Geistige überhaupt aus.
 
In einer solchen Philosophie ist Oskar Stocker zuhause. In immer neuen Angängen porträtiert er bestimmte Motive, die sich ihm ins Gesicht setzen. Hier sind es zum einen besondere Sensibilitäten für Räume, die er entdeckt oder erfährt und die er dann in flächig gemalte oder skulptural bemalte Kartons übersetzt. Dann setzt eine Phase ein, in der er sich mit dem Porträtieren von bestimmten industriellen Landschaften auseinandersetzt, vor allem der untergehenden Industrielandschaft zwischen Rhein und Ruhr. Er behandelt sie wie lebendige Wesen, deckt nicht nur eine hohe Ästhetik auf, sondern auch den Geist einer Gegend. Er hält sie – im Prozess ihres Untergangs und Transformation – wie lebendige Wesen fest, verleiht ihnen Charakter und entdeckt ihre Einmaligkeit, ihre Individualität.
 
Freilich – was sich ihm ins Gesicht setzt – ist oft selber Gesicht, ein lebendiges Wesen, das ihn anschaut und einen Rückblick erzwingt – mal verliebt, mal skeptisch, mal angstbeladen, mal melancholisch, mal neugierig.
 
Seine Bilder stammen aus Prozessen und geben sein reflektiertes Sehen wieder. Sie regen ebenso den sensiblen Betrachter zum kreativen eigenständigen Sehen an. Gleichzeitig sind sie frei gesetzt. Darin ist Stocker dem intuitiven, informellen Duktus verbunden. Souverän besetzt er das Blatt oder den Bildträger. Er ruft die Komposition mit sicherer Geste in ihre Form und überführt sie frei in das Bild. Die Gesichter treffen die Mimesis und verlassen sie sofort. Wiedererkennbarkeit des Porträtierten und geistige Durchdringung gehen einher, egal ob es ein Mensch ist oder eine Landschaft. Immer strahlt Lebendigkeit im Bild, immer ist es mehr als Abbild. Seine Arbeiten sind immer hoch reflexe Wirklichkeiten, sie setzen eine gegebene Realität vor die Augen – und führen diese zugleich über das Dargestellte hinaus in eine Einsicht oder einen freien Gedanken, der sich über das Dargestellte hinaus hebt. Immer sind die Farben wichtiger als das Motiv. Farbraum ist ihm Sinnraum, und der erstreckt sich auch über die Vision des Malers hinaus, hinein in die des Betrachters.
 
Diese Bilder markieren menschliche Lebensmöglichkeiten, die von Erfahrung und Geschichte, von Begegnung und Betroffenwerden, von Aufbruch und Ankunft, von Gefangensein und Freisetzung bestimmt sind. Sie sind gerade in ihrer ernst schweigenden Präsenz ein beredtes äußeres Zeugnis ihres unsichtbaren Kerns; und sie wirken wie eine Niederschrift, die aus einem sensiblen und zugleich entschiedenen Kampf um die Sache resultieren, um die Frage nach Person in der Geschichte. Woher  wohin - das ist das große Thema, das sich in allem Wandel dieses Werks durchhält. Es ist die Reflexion auf die Frage nach der menschlichen Freiheit und ihrer Ermöglichung; es ist die Analyse nicht nur des menschlichen und künstlerischen Bewusstseins, sondern zugleich die Frage nach den Chancen seiner Selbstfindung, nach der Zukunft des Menschen überhaupt.
 
Friedhelm Mennekes
   
         
                         
   
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